Relegation - Pro und Contra

Rot-Schwarz, Schwarz-Gelb, dazu das Kirchentagsorange. Wer an diesem Wochenende über die Straßen Berlins schlenderte, entdeckte Schwarz-Weiß-Grün eher selten.

 

Schon eher auf dem Wasser, denn die Spreeborussen nutzten im Anschluss an ihre JHV das herrliche Wetter für eine Fahrt auf Spree und Landwehrkanal und hielten mit Vereinsfarben und –gesängen dagegen. Apropos Gesänge: Unsere Abstinenz beim DFB-Pokalfinale haben wir uns selbst zuzuschreiben. Immerhin blieb uns das unsägliche Halbzeitprogramm erspart. Ob der DFB zumindest hier aufwacht und seinen eingeschlagenen Weg der Amerikanisierung überdenkt? Kann man Fußball nicht einfach den Fußball lassen? Muss auch jede Auslosung zu einem Event verkommen? Als Fan will man doch einfach nur wissen, gegen wen es in der nächsten Runde geht, ohne jeglichen Schnickschnack. Und die Halbzeitpause? Die gehört Bier und Bratwürstchen.


Neben dem DFB-Pokal stehen gerade weitere sportliche Entscheidungen von Bedeutung an. So wird das Finale eingerahmt durch die Hin- und Rückspiele der Relegation zwischen den verschiedenen Ligen, die nicht minder allerlei Emotionen hervorrufen. Der Relegationsmeister HSV scheiterte denkbar knapp an der erneuten Meisterschaft und wird in diesem Jahr durch die Autobauer vertreten. Auch hier gab es im Hinspiel bereits zahlreiche Aufreger über die vermeintliche Benachteiligung des Lokalrivalen aus Braunschweig. Stiegen ohne Relegation direkt drei Mannschaften auf bzw. ab, stünde die Entscheidung nach dem 34. Spieltag fest: Wolfsburg wäre bereits weg. Gäbe es hingegen lediglich nur zwei Auf- bzw. Absteiger, hätte der Deutsche Meister der Saison 66/67 gar nicht erst die Chance auf einen Wiederaufstieg. Ist die Relegation also eine faire Sache oder dient sie alleine der TV-Vermarktung? Radi und Kaktus haben sich der Sache in unserer Pro- und Contra-Reihe genähert.

Habt Ihr weitere Themen, die wir für Euch unter dem Pro- und Contra-Aspekt beleuchten sollen? Dann sendet uns Anregungen an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 


Relegation

Pro
Von 1982 bis 1991 wurden Relegationsspiele mit eventuellem dritten Entscheidungsspiel in der Bundesliga sowie in Liga 2 eingeführt. Dreimal gewann hier ein Zweitligist, siebenmal behielt der Erstligist die Oberhand. Nach einer Pause wurde dann erneut ab der Saison 2008/2009 die Relegation neu eingeführt. Diesmal im Europacup-Modus, mit Hin- und Rückspiel und besserer Tordifferenz. Das Entscheidungsspiel fiel weg. Der Sieger wird zur Not im 11-m-Schießen ermittelt. Bis heute gab es infolge zwei Sieger aus dem Unterhaus und sechs Erstligasieger. Dies zum Fakten-Check.


Welchem Fohlen-Fan fällt zum Thema Relegation nicht als Erstes unsere Relegationsspiele gegen Bochum ein? Wer dort dabei war, der weiß wie schön solche Endspiele sind. Genau dies sind die Spiele, warum wir leidenschaftliche Fans geworden sind. Es ist die zweite Chance, die dir als Verein gegeben wird, eine Saison versöhnlich oder überragend abzuschließen. Da liegen Glück und Unglück noch einmal ganz dicht beieinander. Sei es als Drittletzter oder Dritter, je nach Ausgangslage.


Es ist natürlich auch ein weiteres riesiges TV-und PR-Event für alle Beteiligten. Hier wird nochmals Kohle generiert und ein Hype inszeniert. Aber der ganze Rummel ist ja auch ein enorm Identifikation stiftendes Fan-Futter. Man leidet nochmals die ganze Liebe zum Verein durch. Es ist ein echtes Endspiel – gerade auch für kleinere oder sportlich schlechtere Clubs. Hier haben ein schwacher Erstligist und ein guter Zweitligist auch einmal die Chance, ein richtiges Endspiel zu bieten und zu erleben. Ganz wichtig für das Treueempfinden zum Verein. Es kann sogar vor der Saison als echtes Saisonziel formuliert werden. Nicht jeder darf und kann sich an Schalen und Pokalen orientieren.

 

Dennoch ist nach dem Spiel ein Klassenerhalt oder ein Aufstieg ein sportlich fairer Preis für einen Endspielsieger. Du hast etwas gewonnen und darfst es feiern lassen. Dies kann dann der Startschuss für eine bessere sportliche Zukunft sein. Ein Team kann so noch einmal ganz neu zusammenwachsen - siehe Borussia nach dem Bochum-Sieg. Wenn Fußball Emotion ist, dann sind Relegationsspiele für den teilnehmenden Verein genauso wichtig und wertvoll wie Finalspiele in Pokalwettbewerben. Genau darauf kommt es an für Verein, Team und Fan: Brot und Spiele.



Contra
K.O.-spiele, das Salz in der Suppe eines jeden Fußballfans. Alles oder Nichts, Hin- und Rückspiel, Auswärtstorregelung, Spannung bis zur letzten Minute. Früher hatte man das im Europapokal immer, im DFB-Pokal zumindest als einfache K.o.-Spiele. Aber heute? Heute ist der Pokal erstmal die einzige Möglichkeit, sich auf diesem Niveau zu messen.


Wurden doch alle anderen Wettbewerbe zugunsten der wirtschaftlichen Sicherheit und Planbarkeit vollkommen verwässert: Gruppenphasen, auch der 3. der CL-Gruppe darf noch in die Europa League usw..  Spannung kommt da erst ab dem Sechzehntel- bzw. Achtelfinale auf. K.o.-Spiele = Mangelware.


Ja, wenn da nicht die Relegation wieder neu erfunden worden wäre. Naja, eigentlich war die Wiedereinführung dieses Hoffnungslaufs auch wieder eine Idee, um mehr Geld zu scheffeln. Hohe Einschaltquoten sind garantiert, wenn sich mal wieder ein Bundesligadino mit einem Zweitligaverein misst, das klassische David- gegen Goliath-Prinzip, Spannung, Nervenkitzel und Aufmerksamkeit für die Marke Bundesliga garantiert. Aus Borussensicht muss ich diese 2 Wahnsinnsspiele ja nicht mehr aufarbeiten… es war die Nachspielzeit… Igor de Camargo… am Ende retteten wir eine total verkorkste Saison.


Aber mal ganz ehrlich? Wer braucht diesen Hoffnungslauf? Ist das gerecht, dass eine ganze Saison von 2 Spielen abhängt? Dass sich ein Bundesligaverein, der die ganze Saison den Klassennachweis schuldig geblieben ist, noch retten kann, und der Zweitligist, der eine sportlich höchst erfolgreiche Saison gespielt hat, doch noch scheitert? Dann sollte man gleich auf 2 Auf- und Absteiger reduzieren, aber so macht das keinen Sinn und ist auch nicht vermittelbar, ok doch, als Einnahmequelle, aber für sonst nichts. 2 Spiele entscheiden über alles.


Noch krasser wird es, wenn man ein paar Ligen weiter runterschaut. Wer hier in die dritte Liga will, der kann auch Meister seiner Regionalliga sein… aber Pustekuchen… nix ist mit direktem Aufstieg: es gibt eine Aufstiegsrunde. Dabei stellt die RL Südwest 2 Vertreter. Die Absteiger der Regionalligen können z.T. zwischen 3 und 6 Teams variieren, oder, wie in der RL Bayern, spielen hier der 15. und 16. der Tabelle eine eigene Relegation um den Abstieg aus. Geht’s noch?


Gerade in den unteren Ligen, hier, wo der finanzielle Spielraum eh gering ist, genau hier ist die Unsicherheit am größten. So sehr bei den Topwettbewerben auf finanzielle Sicherheit gesetzt wird und die Spannung rausgenommen wird, so wird hier genau das Gegenteil gemacht. Doch hier brauchen die Vereine die Planungssicherheit umso mehr.


Ein Meister, der nicht aufsteigt? Nicht vorher feststehende Abstiegsplätze? Wer kann sich sowas ausdenken? Hier wird der sportliche Wert einer kompletten Saison in Frage gestellt. Souveräne Meister spielen vielleicht trotzdem weiter in der Regionalliga, Teams, die auf eventuellen Abstiegsplätzen stehen, wissen bis zur Beendigung der ganzen Auf- und Abstiegsrelegationen nicht, ob die Saison ein Desaster war oder nicht. Hoffnungslauf Relegation, zwischen Liga 1 und 2 vielleicht noch als TV-Event zu akzeptieren, wenn auch schwer, aber in den Ligen darunter ist dieses System ein absolutes Desaster. Und hier gilt ganz klar: Meister müssen aufsteigen… Relegation abschaffen!!