Eine Herausforderung für die Kurve

Nein, weiß Gott nicht: unsere Kurve hat in den letzten Heimspielen kein gutes Bild abgeliefert. Es liegt einiges im Argen, bei uns, aber auch in den anderen Stadien der Republik. Unser Kaktus hat sich dazu ein paar Gedanken gemacht.

 

Gedanken, die zum Nachdenken anregen, die uns aber auch zeigen, dass wir nun nicht den Kopf in den Sand stecken oder nur wehklagen sollten. Vielmehr sollten wir unsere Energie dafür verwenden, für die Werte unserer Fankultur einzustehen, und zwar miteinander. Welche Fangruppierung man auch immer betrachtet: es eint uns mehr als dass uns etwas trennt. Der Weg wird kein leichter sein. Aber lasst uns die Herausforderung annehmen, mit Respekt füreinander und gemeinsam!

 

 

Eine Herausforderung für die Kurve

Aktive Fangruppen lösen sich auf, Fans erklären dem DFB den Krieg (überspitzt), Kartenkontingente werden gekürzt, Tickets personalisiert, Stehplätze sollen abgeschafft werden, unverhältnismäßige Polizeiaktionen bleiben meist ohne Folgen, der Fan wird zum Verbrecher, das Hochglanzprodukt Fußball frisst seine Basis.


Hier stehen wir also nun, noch können wir das. Wir, die Fans, die jedes Wochenende irgendwo in der Republik mit ihrem Team mitreisen, egal wie viele Kilometer zwischen Wohnort und Spielstätte liegen, wie beschwerlich die Anreise auch ist, hier sind wir, die die immer da sind… ja das dachte ich zumindest. Es war nicht wirklich vorstellbar, dass sich viele Weggefährten, Gesichter, die man jede Woche in einer der Kurven gesehen hat, mit denen man einiges erlebt hat, die genauso zum Fußball gehören wie das eigene Team, dass diese Leute einfach weg sind… Sie haben ihren Platz aufgegeben.


Die Gründe mögen vielfältig sein. Fakt ist: Der Fußball, die Kurve verliert ihre Basis, ihre Identität, ihre Tradition und viele Werte der Fankultur. Und dieser Verlust wird nach und nach so stark werden, dass es nur noch Kunden im Stadion und in unserer Kurve gibt. Kunden, die den Mund nicht aufbekommen, bzw. wenn, dann nur zum Meckern, Leute, die Fußball konsumieren, und nicht leben wie wir.


Sind wir mal ehrlich: ein Fan, wie ich es bin, der nicht in den Fanshop rennt, eine Stehplatzdauerkarte hat, am Spieltag vielleicht 1-2 Getränke im Stadion zu sich nimmt, der ist nicht der gewollte Kunde. Für den Verein ist es das Beste, wenn der Kunde mit seiner Familie auf den Sitzplätzen A-D sitzt, 200 € im Fanshop lässt, Pommes, Eis und Limo kauft, und wenn dann am nächsten Spieltag die Plätze A-D von der nächsten Familie mit Umsatz besetzt sind. Business eben, Money, Money, Money!!!


Ich bin kein Kunde, und ich werde es nie sein. Die Entwicklung spricht aber gegen uns und unsere Kultur. Ach ja, ich rede hier extra von uns, denn mit uns meine ich alle, egal ob Kutte, Ultra, Hool,… am Ende geht es gegen uns, und wir werden langsam aber sicher von der stillen Mehrheit der Kunden verdrängt. Genau hier haben wir auch schon eines der entscheidenden Merkmale: Kunden sind still, insoweit still, dass man ihnen nur genug Aufmerksamkeit schenken muss, und sie zahlen und stören nicht weiter. Saubere Toiletten, gute Essensauswahl, ausreichend Merchandise, viele Parkplätze, gute Sicht und Stimmung von denen aus der Fankurve. Dann kann man genüsslich am Eis schlecken und es sich gut gehen lassen, aber ganz leise und pflegeleicht. Hier haben wir dann noch den Berührungspunkt mit den Kunden: Sie wollen, dass wir Stimmung machen, Choreos, laute Lieder, einfach die Atmosphäre liefern, damit der Kunde sagen kann: da war ich dabei, ich kleiner Superheld. Ja, wir liefern das Ambiente, das, was das Sushi im Businessbereich noch besser schmecken lässt, den Sekt besser perlen lässt und einfach dass Event perfekt macht.


Teil des Events zu sein, das ist eigentlich das Frustrierende. Teil dessen, was uns am Ende aussterben lassen wird. Wir schaffen uns selbst ab und können nicht einmal was dagegen tun. Wir sorgen für die Bilder, die Töne, alles das, was sich verkaufen lässt, und doch sterben wir dabei immer ein wenig mehr. Denn je mehr Kunden das Produkt kaufen, umso weniger stark werden unsere Bilder und Töne, desto weniger braucht man uns am Ende. Denn dann fällt es nicht auf, wenn wir fehlen. Denn der Kunde gewöhnt sich daran, er hat noch die perfekte Umgebung. Früher hat es ihm besser gefallen, als die Affen im Block noch die Humba gemacht haben. Aber heute teilt er sich den Sitzplatz mit mehreren… Das ist schon okay so, das Produkt stimmt ja, die Musik ist jetzt halt lauter und die Halbzeitshow bunter.


Düstere Vorahnung oder baldige Realität?


Geld ist wichtig, das weiß ja jeder. Wir sind keine Vollzeitfans, am Ende des Tages macht dir das Fansein nicht den Kühlschrank voll. Nein, das muss unter der Woche erledigt werden, wir müssen also auch haushalten bzw. wirtschaften. Und auch wir wollen guten Fußball sehen, und die Spieler verdienen heute keine 300 Mark sondern mehrere Tausend pro Monat. Also muss der Verein gut wirtschaften, es müssen Geldquellen erschlossen werden, und der Rubel muss rollen. Aber zu welchem Preis? Der totalen Übersättigung? Zu Lasten des Amateurfußballs? Zu Lasten der Basis? Zu Lasten derer, die den Fußball mitgestalten? Der Preis ist zu hoch und trägt bösartige Früchte.


Bösartig meine ich die Art und Weise des Protestausdrucks: Je mehr man in die Ecke gedrängt wird, je radikaler die Eindämmungen, umso radikaler die Antworten. Die Krux dabei ist: Je mehr die Kurve, die Szene, die Fans gegen die Verbände mit Gewalt oder anderen illegalen Mitteln aufbegehrt, umso einfacher ist es, uns weiteren Repressionen zu unterwerfen. Die Presse und die Verbände arbeiten da Hand in Hand… ein Aufschrei der Empörung… es muss gehandelt werden… es wird gehandelt… und das in einem Maße, dass man sich vielleicht in der Terrorismusbekämpfung wünschen würde. Aber es ist dem Rest der Bevölkerung bestens zu verkaufen: Fußballfan = böse, auch wenn Auftritte so mancher Fangruppe, so martialisch sie vielleicht wirken, strafrechtlich keine Bedeutung haben. Nur, das wird leider in einer Welt voller Populisten und voller Menschen, die nichts mehr hinterfragen, anders gesehen, und somit eskaliert die Situation weiter.


Fakt ist: wir bieten den Verbänden alles, um uns abzuschaffen. Leider setzt hier noch zu selten die Erkenntnis ein, dass man diesen Problemen mit Kreativität beikommen muss. Denn Fakt ist auch: Fußballfans haben keine Lobby, keine Wirtschaftsunternehmen hinter sich, keine Fürsprecher in der Politik oder in den Medien, und diese kann man sich nur gemeinsam erarbeiten.


Was meine ich mit gemeinsam? Alle ins Boot holen, wirklich alle, außer die Kunden, die sollen ja weg Lächelnd, alle anderen aber zusammen. Hierzu müssen die Kurven aber geeint sein. Erstmal untereinander. Ich kann das nicht auf andere Kurven übertragen, aber wir haben ein Problem. Die Kurve ist gespalten, gespalten auf Grund dessen, dass sich Jung und Alt nicht akzeptieren. Alter ist kein Verdienst und Jugend kein Privileg. Alt werden wir alle mal, jung und wild waren wir mal bzw. sind es noch Lächelnd. Fanatisch sind beide, dem Club verbunden auch. Nur wer führen will in einer Kurve, der muss einen und nicht spalten. Wer einer Kurve seinen Stempel aufdrücken will, muss den Rest mitnehmen. Wer anderen seine Art des Seins auferlegen will, der scheitert.


Die Kurve ist Anarchie, Gleichschaltung braucht keiner, Zwang funktioniert nicht. Der echte Wille zur Einigung, der Wille sich gegenseitig Respekt entgegen zu bringen, das muss der Weg sein, und nicht sich selbst als das einzig Wahre zu verkaufen. Wenn die Kurve einig ist, dann ist die Stimme stark, dann ist sie koordiniert und hat Gewicht. Wer keine Akzeptanz schafft, wer in radikalen Mustern hängen bleibt, der wird auf lange Sicht scheitern. Denn dann wenden sich immer mehr Leute ab und lassen die Kunden an ihre Stelle.


Eine einige Kurve ist stark, jung, wild, erfahren, laut.


Denkt an die nächste Generation, zeigt unseren Kindern, das Fußball bunt, laut, unangepasst ist, weit weg von den Kunden der Businesstribüne! Wenn die Kids heute Bilder der Gewalt sehen, dann wenden sie sich ab, die Gutmenschen bekommen Gehör. Sie lernen: Fußballfan sein ist falsch, und wir sterben aus, wir schaffen uns ab.


Daher müssen die Kurven zusammenstehen, es geht um unsere Existenz, es geht um Alles. Wir müssen die Kunden aus unseren Kurven loswerden, wir brauchen Bierduschen, Torpogos, Anarchie, wir brauchen fanatisches Verhalten, alles das, was die Kunden vertreibt, die dann Angst haben ihre weiße Camp David Jacke zu beschmutzen oder sich das Gejammer ihrer Begleitung nicht anhören wollen. Kutten, Ultras, Hools… ein Schulterschluss wird fällig… Respekt für alle… und alle für die Kurve.


Dann muss dieser Schulterschluss groß gedacht auch in den Kurven der Republik erfolgen. Stand your Ground! Keiner will andere Farben in seiner Kurve oder davor. Die Kunden müssen das kapieren, gewaltlos. Aber wer sich in der falschen Kurve blicken lässt, macht sich keine Freunde. Außerhalb dieser No-Go-Areas muss es jedoch heißen: Reclaim the Game!!! Gemeinsame Aktionen, keine Kriegszustände, Solidarität unter den Kurven, wir schaffen uns sonst ab. Eine Herausforderung für alle, eine Mammutaufgabe.

Kaktus
BFC Borussen-Knights