Vom Sommermärchen zur Horrorshow

Der Fußball bewegt in den letzten Wochen die Gemüter quer durch die Republik. Hier sind jedoch nicht sportliche Belange mit Traumpässen und Tore aus Fallrückziehern das Thema, sondern die Frage, ob der Profi-Fußball in der jetzigen Phase der Pandemie beginnen soll oder nicht.

 

Für einige aus dem Management des Profifußballs völlig überraschend gibt es keine breite Rückendeckung aus der Gesellschaft für den Fußball. Verschiedene Umfragen in verschiedenen Medien zeigen hier ein ähnliches Bild. Selbst im „Kicker“ ist die Meinung gespalten. Sollte tatsächlich der Geist „Fußball über alles“ aus dem Sommermärchen 2006 aus der Gesellschaft verschwunden sein? Die Horrorshow der Geisterspiele wird abgelehnt? Ach? Dabei gab es doch in den letzten Jahren immer neue „höher, schneller, weiter“ Meldungen über das „Produkt Fußball“. Komisch….

Ja, es ist vorbei. Und das hat nicht nur mit den alltäglichen Sorgen der Menschen mit den Auswirkungen aus Covid-19 zu tun. Schon vorher wirkten viele Fußballbegeisterte ausgebrannt und desillusioniert von den Entwicklungen der letzten Jahre. Mahnende Worte aus der Fanszene wurden mit Verweis auf die Statistiken der DFL abgebügelt. Schwindendes Interesse an dem „Zirkus“ mit Dauermeister Bayern und absurden Ablösesummen passte nicht ins Bild der Produktstrategie und der Suche nach noch mehr „Reichweite“ in Asien, USA oder über den E-Sport und den Social Media Kanälen. Das Wichtigste war nicht mehr das, was auf dem Platz oder in der Kurve passiert, sondern wie man neue Märkte erschließt.

Diese Strategie der Vereine ist davon ausgegangen, dass die Fanbasis „eh da“ ist und keine besondere Aufmerksamkeit mehr benötigt. Um diese Aufmerksamkeit trotzdem zu bekommen, wurden die Kurven in den Wochen und Monaten vor der Pandemie zunehmend zu Protestforen verwandelt, und man erlebte ihren Höhepunkt am 23. Spieltag bei uns und am 24. Spieltag bundesweit. Eine Woche später gab es die Zwangspause. Im Gegensatz zu den Fanorganisationen “ProFans” und “Unsere Kurve” wurde von den „Fanszenen Deutschlands“ eine strikte Haltung gegen Geisterspiele verkündet. Das hat aus meiner Sicht den Ursprung darin, dass mit der Fortsetzung des „Geschäftes Fußball“ vor leeren Rängen nun die Möglichkeit entfällt, die Bühne für die Proteste zu bekommen.  Vielmehr besteht nun die Sorge, dass die kritische Stimme gegen die Fehlentwicklung endgültig verstummen soll.


Damit sind wir am Punkt Vertrauen angelangt. Hat die Stimme der Fans zukünftig noch Gewicht? Braucht man uns in der Kurve noch? Kann man uns und unsere Stimmung ersetzen?

Zu ersetzen sind wir mit Sicherheit nicht, und die Idee der Pappkameraden hatte und hat nie den Anspruch gehabt, irgendjemanden zu ersetzen. Daher finde ich die Diskussionen insbesondere innerhalb der Fanszene ermüdend, immer wieder aufs Neue erklären zu müssen, warum wir diese Aktion machen. Der Erfolg der Aktion (mittlerweile über 16.000 Bestellungen) hat nichts mit „blindem Konsum“ von Kunden zu tun, sondern mit einer kreativen Auseinandersetzung mit der Situation. Bis auf ganz wenige Ausnahmen, etwa Tiere und tierähnliche Gestalten, spricht die Aktion die traditionelle Fanszene an, die mit dieser Symbolkraft vor allem der Mannschaft sagen möchte: Wir lassen euch nicht allein! An dieser Stelle meinen herzlichen Dank an die Macher der Aktion und die vielen freiwilligen Helfer aus allen Teilen der aktiven Fanszene inklusive der Allesfahrer, die in den letzten Wochen hier mit Leidenschaft dabei sind, das Ganze im Stadion umzusetzen.

Ich würde mir wünschen, dass sich trotz der nachvollziehbaren strikten Haltung gegen Geisterspiele nun bei allen Fans ebenso eine kreative und konstruktive Auseinandersetzung mit der Situation geben wird. Hierzu gehört zunächst das Fernbleiben vom Stadion bei den Spielen unter dem Motto: „Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nicht das Geringste zu sehen…“ Die Szenen nach dem Derby standen unter einem besonderen Stern. Damals gab es das Kontaktverbot noch gar nicht. Das kann und wird somit nicht der Maßstab sein.


Weiterhin habe ich den Eindruck, dass einige gerade gerne dem „Kranken Profifußball“ beim Sterben zuschauen. Ich frage mich nur, welche „bessere Welt“ danach erwartet wird. Dass der Fußball sich in eine „kranke“ Richtung entwickelt hat, steht außer Frage. Vor ein paar Wochen gab es im Rahmen der Bökelbergausstellung im Schloss Rheydt einen spannenden Vortrag von 11 Freunde Redakteur Christoph Biermann. Er sieht insbesondere 1992 als Infektionsjahr mit der Gründung der Premier League in England und der Einführung der Champions League. Die Krankheit hat schleichend begonnen. Nun liegt der Patient auf der Intensivstation, und das einzig zugelassene Medikament sind aktuell die Geisterspiele. Was ist, wenn er nicht überlebt? Wird tatsächlich ein „neuer Fußball“ wie Phönix Karlsruhe aus der Asche entstehen, oder werden eher doch die Konzerne dieser Welt, die sich Fußball leisten wollen, in den Vordergrund treten und das Kommando übernehmen? Die Zeit ist gerade aus meiner Sicht nur angehalten, sie lässt sich aber nicht beliebig zurückdrehen. Deshalb werden wir vom FPMG weiter auf den vertrauensvollen Dialog mit dem Verein setzen, um die künftige Fußballwelt für die Fans mitzugestalten. Geisterspiele bleiben eine Horrorshow, aber wir werden dabei sein. Trotzdem!